agricultur-und-industrie-ausstellung
Die Betriebsweise der Blankwaffen-Fabrication hat in so ferne viel Ähnlichkeit mit jener der Handfeuerwaffen-Erzeugung, als jene so wie diese an einigen, durch die Verhältnisse begünstigten Orten sich concentrirt hat. Von diesen Centralpunkten beziehen zum grossen Theile die übrigen in den verschiedenen Städten zerstreuten Etablissements und kleineren Waffenschmiede, wie dies bei den Büchsenmachern mit den Rohrläufen der Fall, das Halbfabricat — die Klingen — und bringen es dann in mehr oder weniger reicher und kunstvoller Weise nach dem individuellen Geschmacke ihrer Abnehmer montirt als fertige Waffe in den Handel.
Den ersten Rang bezüglich der Menge, Güte und Billigkeit der Production nimmt in der Fabrication von Hieb- und Stichwaffen eine deutsche Stadt — Solingen in Preussen — ein, wo diese Industrie, durch die Nähe des vortrefflichen Siegen'schen Stahles begünstigt, seit Langem sich festgesetzt und durch die ununterbrochen fortgepflanzte Fertigkeit der Arbeiter und die Strebsamkeit der Unternehmer zu einem Höhepunkte gelangt ist, wo sie keine Concurrenz — selbst jene der gleichartigen altberühmten Birminghamer Industrie nicht— zu scheuen braucht. Sie hat sich seit der Zeit, wo freisinnigere Zollsysteme in Wirksamkeit traten, nicht nur auf dem europäischen Continente einen ausgedehnten Markt erobert, sondern auch einenstarken Absatz nach überseeischen Plätzen, namentlich nach Mexico und Brasilien gebahnt und selbst die englische Regierung hat bereits durch Aufträge die Vorzüglichkeit ihrer Fabricate zu würdigen sich bestimmt gefunden. In neuerer Zeit ist zu Solingen überdies die Fabrication von Stahl- und Lederhelmen mit glücklichem Erfolge begonnen worden.
In der Anfertigung von Luxuswaaren steht aber in diesem Zweige wie im Bereiche der Feuerwaffenfabrication und überhaupt in allen Gewerben, wo es auf Geschmack und Kunstsinn ankommt, Paris obenan.
Auch Spanien und der Orient (die Türkei und Ostindien) haben auf der Ausstellung, wenn auch nur durch vereinzelte Leistungen den hohen Ruf, den ihre damascirten Klingen besitzen, aufs Neue bewährt.
Unter den französischen Ausstellern ist zunächst L.F.Delacour in Paris zu nennen, dessen Blankwaffen sich durch Mannigfaltigkeit und durch eben so gediegene als künstlerische Ausführung besonders auszeichnen. In der zahlreichen Sammlung von Degen, Säbeln, Waidmessern, Dolchen aller Art traten namentlich ein schöner Ehrendegen, von der Stadt Boulogne bestellt, dann ein prachtvoller Mameluckensäbel und verschiedene Staatsdegen für Deputirte, Senatoren und für das kaiserliche Haus in den Vordergrund. Delacour hat das verloren gegangene Verfahren wieder gefunden, um die musivartige röthlich und dunkel färbende Chagrinirung hervorzubringen, die er bei den Scheiden mit reizendem Effect anzuwenden versteht. Er ist auch im Besitze eines Mittels der Haifischhaut eine schöne weisse Farbe zu geben. Da Delacour seine Modelle selbst entwirft, so muss das Verdienst seiner durch Zierlichkeit und Anmuth ausgezeichneten Leistungen um so höher angeschlagen werden.
Duchesne von Paris hatte Hieb- und Stichwaffen ausgestellt, woran die Montirung in Messing und Eisen mit mechanischen Feilen bearbeitet war, was ihnen nicht nur ein sehr regelmässiges Aussehen verleiht, sondern auch dazu dienen soll, die Auswechslung und Ergänzung einzelner Theile zu erleichtern. Die Rauheit der Griffe ist mittelst einer Art Guillochirung hervorgebracht und dadurch die Filigranarbeit an denselben entbehrlich gemacht worden. Eine Scheide für Infanterie-Officiersäbel mit beweglicher Garnitur und eine für Cavalleriesäbel, an welcher die Mündung durch Andrücken einer Sprungfeder sich öffnet, um das Einstecken des Säbels zu Pferde zu erleichtern, sind sinnreich in der Anlage, aber noch nicht hinlänglich durch wirklichen Gebrauch erprobt, um ein Urtheil über ihre Eignung für das Militär zu gestatten.
An den Säbel- und Degenklingen von J. Gayère aus St. Etienne wurde besonders ihre treffliche Schärfung hervorgehoben. Einige schöne Klingen von Duval in Paris waren angeblich aus einer Composition von Stahl, Platina und Nickel, und ebenso jene von Ans. Polidor in Paris aus in den Hüttenwerken von Alélick bei Bona in Algier gewonnenen Stahl mit einer Beimischung von Platina und Nickel erzeugt. Die Hieb- und Stichwaffen von Ed.Granger, Ant. Fr. Farant und Spickel in Paris verdienten gleichfalls ehrende Anerkennung.
Es darf nicht befremden, dass auch in den Schränken mehrerer Pariser Büchsenmacher Blankwaffen zu sehen waren, welche in Schönheit und Reichthum der Verzierung und in trefflich ausgeführter Gold-Incrustation, Gravir- und Ciselirarbeit mit dem Besten wetteiferten, was in diesem Genre vorhanden war, denn es stehen ihnen so ausgezeichnete künstlerische Kräfte in diesen Fächern zu Gebote, dass ihre Verwendung zu Arbeiten, welche ihrem eigentlichen Gewerbe so nahe stehen, ganz natürlich ist. Diese natürliche Arbeitsgliederung, welche zugleich den Kreis der Verwendbarkeit des Arbeiters und seines Verdienstes erweitert, wird wesentlich durch die Gewerbegesetzgebung unterstützt. Anders verhält es sich freilich mit den Rohproducten, den Klingen, welche die Pariser Büchsenmacher montiren; diese dürften zum grössten Theile fremdes Fabricat sein, da es nicht in dem Vortheile der Büchsenmacher liegen kann, selbe zu erzeugen.
Unter den Ausstellungs-Gegenständen der Büchsenmacher erwähnen wir besonders jener von Lepage - Moutier und Gastinne-Renette. Ersterer hatte ausgestellt ein Schwert und einen Dolch für den Herzog von Luynes, den bekannten Kenner und Förderer industrieller Kunst, dann einen Säbel mit Griff von Lapislazuli und einen Schild in getriebener Arbeit und nachciselirt — die Tödtung der unschuldigen Kinder vorstellend und von Vechte ausgeführt. — Zu den Stücken von Gastinne-Renette zählte ein Hirschfänger, von Sr. Majestät dem Kaiser Napoleon bestellt, mit der Namenschiffre N. versehen (die mit Gold incrustirte Damascenerklinge im Weinlaubcharakter reich verziert - der Griff trägt die auf Löwenköpfen ruhende Kaiserkrone und dessen Handhabe stellt Diana auf der Jagd vor — Griff und Beschläge sind von oxydirtem Silber und die Scheide von schwarzem Leder); ferner ein Staatsdegen in ähnlicher Weise, wie das vorhergehende Stück gehalten (der Kopf bildet das von Amoretten getragene kaiserliche Wappen und die Damascenerklinge ist mit gelb und grüngoldenen Lorberblättern geschmückt); dann zwei Hirschfänger mit silber- und goldplattirten Ornamenten (der Griff des einen von Elfenbein, des anderen in Golddrath geflochten) und ein Paradedegen und ein Schwert, beide reich verziert. Devisme und Claudin hatten ebenfalls sehr kunstvoll gearbeitete und reichgeschmückte Hieb und Stichwaffen, wie Dolche, Hirschfänger, Säbel und Degen.
In Schutzwaffen, Helmen, Kürassen u. s. w. hatten zwei Aussteller Ed. Granger und Alex. Pestillat in Paris Vorzügliches geliefert. Eine Specialität des Ersteren sind mittelalterliche Rüstungen. Von ihm war der vollständig ausgerüstete Reiter sammt Ross im Transepte, welcher die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog. Seine Arbeiten stehen überhaupt dem Schönsten nicht nach, was sich von mittelalterlicher Kunst in diesem Genre in Museen aufbewahrt findet. Daher ist es auch in Paris ein Leichtes für Curiositätensammler, sich eine Masse mittelalterlicher Waffen jedes Jahrhunderts und jeder Art, die freilich der Neuzeit ihren Ursprung verdanken, anzuschaffen. Die Sammlung von Pestillat bestand aus Helmen und Kürassen, wie sie in der französischen Armee eingeführt sind, von guter Arbeit und zu mässigen Preisen. Von den beiden kaiserlichen Manufacturen zu KIingenthaI und Chatelleraux hatte sich blos die letztere mit einer grösseren Sammlung von Klingen und Stahlarbeiten betheiliget.
Obwohl die Ausstellung von Jackson frères, Petin et Gaudet zu Rive de Gier in eine andere Classe (die XV., wo sie die grosse Ehrenmedaille erhalten hat) gehört, so muss derselben doch auch hier gedacht werden, wegen eines Stoffes, welcher bei der Fabrication von Blankwaffen angewendet wird. Es sind dies die Platten (maquettes) aus Gussstahl, womit sie Kürasse erzeugen, welche denselben Widerstand leisten und um zwei Kilogrammes weniger wiegen sollen, wie die Kürasse aus Eisen und Stahl.
Die Sammlung gut gearbeiteter Fecht-Requisiten, wie Rappiere, Handschuhe, Masken, Plastrons, Sandalen u. s. w. von Sequin darf, wenn auch nicht dem Materiale, so doch dem Zwecke nach, dem diese Gegenstände dienen, in diese Abtheilung eingereiht werden.
Deutschland hat durch Solingen in der Klingenfabrication einen wahrhaften Triumph gefeiert. Nicht nur die Stadt Solingen erhielt als solche für ihre Klingen- und Messerschmiedarbeiten die grosse Collectiv-Ehrenmedaille zuerkannt, sondern es wurden auch noch mehrere einzelne seiner Fabrikanten mit hohen Preisen ausgezeichnet. An den Solinger Klingen wurde besonders ihre schöne Politur, ihre Härtung und der mässige Preis gerühmt.
Unter den einzelnen Ausstellern ist P. D. Lüneschloss vor Allen zu nennen. Sein Assortiment enthielt Gegenstände von den niedrigsten bis zu den höchsten Preisen. Das kostbarste Stück war ein Degen zu 3000 Fcs. mit reicher Vergoldung, durch Feinheit und Regelmässigkeit der Zeichnung aber besonders ausgezeichnet ein türkischer Sarrass. Dem genannten Aussteller stand das Haus A. et C. Höller mit Klingen zu 3, 4, 11,5 12, 15, 18, 60 Fcs. würdig zur Seite. Von damascirten Klingen waren zwei verschiedene Numern oder Zeichnungen ausgestellt. Ein sehr schön gearbeiteter Degen trug in einem Medaillon das Bildniss des Kaisers Napoleon III., ein anderer jenes von Canrobert. Der Kaiser kaufte von diesem Hause einen sehr kunstvoll ausgeführten Säbel. Ausserdem hatte die Firma S. Hoppe Söhne und G. Schmolz et Comp. schöne Sammlungen diverser Stahl- und damascirter Klingen und F. Hartkopf et Comp. nebst mehreren Helmen und Kürassen eine schöne mittelalterliche Rüstung ausgestellt.
An den Stahlkürassen von Krupp in Essen, einem Theile seiner reichhaltigen Ausstellung in Stahlwaaren, sind ihre Leichtigkeit und verhältnissmässig grosse Widerstandsfähigkeit bemerkenswerthe Vorzüge.
Spanien, in der Waffen-Industrie hauptsächlich durch seine Toledoklingen berühmt, zählte nur zwei Ausstellungsnummern. Beide gehörten, sowohl in Güte des Materials, als in reicher und ausserordentlich geschickt ausgeführter Ornamentik zu dem Besten der Ausstellung. In der Sammlung von Zuloaga Sohn sind ein Schwert, zugleich mit einem Dolche versehen, Griff und Scheide reich ciselirt, dann ein Dolch und ein Rappier, Eigenthum des General Narvaez, und in jener von Moratillo ein für den Gouverneur von Cuba bestimmter Ehrensäbel speciell anzuführen.
Birmingham war nur durch zwei Aussteller von Säbeln und Bajonneten in nicht besonders bemerkenswerther Weise repräsentirt Aus Belgien waren nur in einigen Auslagen von Gewehrfabrikanten Blankwaffen, zumeist Bajonnete auf Militärgewehren, zu sehen. Auch fanden sich einzelne Stücke mit gegossenen Ornamenten vor, welche Stücke desshalb offenbar nur den Zweck hatten, zur Ausschmückung von Waffensalons u. dgl. Schaustellungen zu dienen. Die Fabrication von Bajonneten wird in Lüttich in ziemlich ausgedehntem Massstabe betrieben, und dazu der Stahl aus Solingen bezogen. Man soll jedoch gegenwärtig in Solingen mit dem Gedanken umgehen, die Fabrication von Bajonneten im Grossen selbst in Angriff zu nehmen.
Auch die altberühmten und wegen ihrer Originalität von Liebhabern hochgeschäzten Damascenerklingen des Orients fanden sich in den Abtheilungen von Englisch-Ostindien, Holländisch-Indien, der Türkei und Algier vor und bildeten mit den Feuergewehren einen der interessantesten Bestandtheile dieser durch Reichthum und eigenthümlichen Geschmack hervorstechenden Ausstellung.
Die Feuergewehre haben den Bogen und den Pfeil nicht nur bei den rohen und halbcivilisirten Völkern noch nicht verdrängt — die Ausstellung gab hiervon den Beleg, —sondern es scheint diese Waffengattung bei den Franzosen noch der Gegenstand einer verbreiteten Liebhaberei zu sein, denn mehrere französische Firmen L. V. Dutillet und G. P. This in Paris, so wie N. M. J. Bequerel zu Compiègne hatten ausschliesslich Assortimente von Bogen und Pfeilen aller Art, darunter mehrere mit der Angabe für den Gebrauch der Bogenschützengesellschaften angefertigt, ausgestellt.
Quelle: Bericht über die Allgemeine Agricultur- und Industrie-Ausstellung zu Paris 1855


